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Ziele

Das Wort „imperskost’“ ist allenthalben heutzutage in Russland zu hören, und der Historiker Mark Bassin geht in seinen neuen Forschungen der Frage nach, wie heutige imperiale Modelle auf Denkfiguren des ‚Eurasianismus’ zurückgehen. Eines unserer Forschungsziele ist es, die nicht-diskursiven Pendants dieser diskursiven Entwicklungen in der UdSSR der Nachkriegszeit aufzuspüren.

Durch unsere alternative Sichtweise auf die historische und kulturelle Entwicklung der UdSSR zwischen 1945 und 1982 sollen die angeblich radikalen Brüche der Jahre 1953-56 und 1964-65 (Machtantritt Chruščevs und Brežnevs) relativiert werden. Die medialen Ansätze zur sowjetischen Geschichte der 1920er und 1930er Jahre, die in den Forschungen von Jurij Murašov und seinen Arbeitsgruppen in Konstanz in den letzten Jahren betrieben worden sind, sollen in eine andere Zeit, aber auch in eine andere Richtung gelenkt werden. Nicht so sehr die Wissenschaftsgeschichte in ihrer Diskursivität als vielmehr die Rahmen der Kommunikation auf breiter Linie (einschließlich der Wissenschaft und v. a. ihrer Institutionen) die Massenmedien in ihrer semantischen Aussagekraft, sondern eher das ‚Subsemantische’ und ‚Nichtsemantische’ an den Rändern der Diskurse stehen im Mittelpunkt.

So soll die Kulturgeschichte der sowjetischen Nachkriegszeit und des Kalten Kriegs einem „media turn“ zugeführt werden, und zwar so, dass nicht nur unterschiedliche Medien in ihrem kommunikativen Potential studiert werden, sondern dass das bis heute wirksame ‚mediale Unbewusste’ der Kommunikation der Nachkriegszeit in ihrer damaligen und auch späteren Wirksamkeit sicht- und spürbar gemacht wird. Ein Paradebeispiel dafür ist die Einführung der neuen Hymne der UdSSR in den letzten Kriegsjahren und die Wiedereinführung der (nicht-diskursiven) Melodie mit rein ‚russischem’ Text an der Wende zum 21. Jahrhundert. Beide Vorgänge gilt es als Problem der sowjetischen und russischen Diskursränder zu beleuchten.

Es ist außerdem ein vorrangiges Forschungsziel mit Blick auf die UdSSR das merkwürdige Zwitterdaseins Russlands innerhalb des Gebildes als Problem der Diskursränder zu betrachten. Exakt bei dieser Problematik müssen Analysen expliziter Programmatiken und Kommunikationen zu kurz greifen. Ähnliches gilt für das Fortleben tabuisierter Sachverhalte (an erster Stelle Stalin und seiner Massenmorde, aber auch der ‚Chruščevismus’ in der Brežnev-Zeit sowie weniger ‚großformatiger‘ Themen) an abgelegten diskursiven Orten. Diese Vorgänge machen Schule in den ‚Satelitenstaaten‘ und im geringeren Maße in Jugoslawien. Für die Analyse dieser Vorgänge ist noch keine Methode entwickelt worden. Die Entwicklung bzw. das Bereitstellen dieser Methodik ist ebenfalls ein vorrangiges Forschungsziel unseres Vorhabens, auch mit Blick auf den zweiten Schritt, bei dem es um die Herstellung einer elektronischen Datenquelle geht.

Ähnliches gilt für das Fortleben tabuisierter Sachverhalte (an erster Stelle Stalin und seiner Massenmorde, aber auch der ‚Chruščevismus’ in der Brežnev-Zeit sowie weniger ‚großformatiger‘ Themen) an abgelegten diskursiven Orten. Diese Vorgänge machen Schule in den ‚Satelitenstaaten‘ und im geringeren Maße in Jugoslawien. Für die Analyse dieser Vorgänge ist noch keine Methode entwickelt worden. Die Entwicklung bzw. das Bereitstellen dieser Methodik ist ebenfalls ein vorrangiges Forschungsziel unseres Vorhabens, auch mit Blick auf den zweiten Schritt, bei dem es um die Herstellung einer elektronischen Datenquelle geht.

Für die „Satellitenstaaten“ in Ostmitteleuropa wird untersucht, auf welche Weise die politischen Wandlungsprozesse nach dem Zweite Weltkrieg medial gerahmt wurden. Dabei sollen die konventionellen politikgeschichtlichen Zäsuren in Frage gestellt werden. Statt der politisch-institutionellen Seite von Herrschaft richtet sich das Interesse auf die Praktiken der Perfomanz derselben. Vielversprechend erscheint dieser Zugang, weil damit die häufig bereits kanonisiert erscheinenden ostmitteleuropäischer Abgrenzungsbemühungen gegen den sowjetischen Hegemon, die sich emblematisch etwa in den Jahreszahlen 1953, 1956, 1968, 1970, 1976, 1980/81 wiederfinden, relativiert werden. Ähnlich wie im Falle des jugoslawischen „Dritten Weges“ kann die Frage gestellt werden, ob nicht gerade vor dem Hintergrund inhaltlicher Abgrenzungsrhetorik strategische Gemeinsamkeiten der Herrschaftsstabilisierung zu beobachten sind. Diese Herangehensweise verspricht eine neue Sicht auf die Geschichte des Staatssozialismus in Ostmitteleuropa. Mit der Konzentration auf die Kontinuitäten der medialen Rahmungen ausgeübter Herrschaft können antagonistische Gegenüberstellungen von repressiv oktroyierter Herrschaft auf der einen und kritischer Umgang mit „Fremdherrschaft“ auf der anderen Seite aufgebrochen werden und stattdessen nach Übersetzungs- und Adaptionsprozessen gerade im Hinblick auf die performative Seite von Herrschaft gefragt werden. Dieser Ansatz verspricht auch heuristisches Potential für die Beschreibung der häufig widersprüchlich erscheinenden politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des ostmitteleuropäischen Staatssozialismus der 1960er-1980er Jahre. Wirtschafts- und sozialpolitische Liberalisierung ging zum Teil mit einer erneuten verstärkten politischen Ausrichtung auf die Sowjetunion einher. Die medialen Rahmungen dieser Arrangements im spätsozialistischen Herrschaftssystem zu einem eigenständigen Gegenstand der Analyse zu machen, wird nicht zuletzt ein besseres Verständnis für die heutige häufig konflikthafte Rezeption dieser Periode in der Geschichte Ostmitteleuropas zu entwickeln. Das widersprüchlich wirkende Nebeneinander etwa von absoluter Verdammung des „Herrschaftssystems“ bei gleichzeitiger wohlwollender Betrachtung einstiger „Lebensstile“ (eine Haltung, die vage unter dem Begriff „Ostalgie“ firmiert,) kann mit dem Forschungsansatz der „Spuren des Imperialen“ dechiffriert werden, wenn nämlich auch mediale Rahmungen und

unterschiedliche Formen der Perfomanz von Herrschaft zu einem Untersuchungsgegenstand sui generis gemacht werden. Gerade wenn man die Frage stellt, inwieweit der Staatssozialismus im vorpolitischen Raum Zustimmung von der Bevölkerung erhielt und somit seine Herrschaft stabilisieren konnte, kann die Untersuchung von Zeichenpraktiken mit nachhaltiger Wirksamkeit unser Verständnis für diese Epoche erweitern.

Im Projekt Die Spuren des Imperialen werden trotz der jugoslawischen Beschwörung des „dritten Weges“ weniger die Brüche zwischen Tito und Stalin als vielmehr die Kontinuität, die Vorbilder und deren allmähliche Umwandlung untersucht. Die „klassische“ Ost-West-Polarisierung ohne komplexe Derivate und Hybride soll überbrückt werden und die jugoslawische Medienpolitik der Massenmobilisierung komparatistisch mit Blick auf die Sowjetunion und den „Ostblock“ untersucht werden. Nicht der Inhalt der Abgrenzungsrhetorik, sondern die strategischen Gemeinsamkeiten zwischen Titos und Stalins Propaganda bzw. des „Ostblocks“ werden im Vordergrund stehen. Gerade durch den Bruch mit Stalin lassen sie Titos imperiale Strategien und Praktiken „als solche“ extrahieren. Im Vakuum zwischen den Machtblöcken hat Tito ein neues „Imperium“ aufgebaut, das nicht nur verschiedene Völker Jugoslawiens als summa partiorum, sondern durch den Balkanpakt auch mehrere Balkanländer und schließlich die Nicht-Blockgebundenen, die „Nicht-Eingeordneten“ (neuvrščeni), vereint hat. Die Substanz dieses Imperiums sind weniger militärische Kräfte als solche der Propaganda, der Imagination. Die rasche Umwandlung und die Anpassung sowjetischer Vorbilder an jugoslawische Verhältnisse, wie z.B. der Genreszenen des sozialistischen Realismus oder Muchinas Denkmal des Fabrikarbeiters und der Kolchosarbeiterin, sollen systematisch verfolgt werden. Der Tito-Kult soll nicht nur vor dem Hintergrund der französischen Königszeremonielle und Herrscherporträts, sondern vor allem vor dem des Lenin- und Stalin-Kultes und ihrer Evolution betrachtet werden. Dabei wird die Bildanthropologie des Herrscherkultes auf eine präzise Medienanthropologie des „Imperialen“ ausgeweitet. Die Aufmerksamkeit soll vor allem jenen Elementen gewidmet werden, die nicht den postkommunistischen Bilderstürmen zum Opfer fielen, sondern als Merkmal der Kontinuität auch im kulturellen Gedächtnis der postkommunistischen sowie postmodernen Gesellschaften als „Pathos-Formel“ (Aby Warburg) „überlebt“ haben.