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Spur

Das Imperiale hinterlässt Spuren, besteht auch aus Spuren. Diese Zeigen bis heute Wirkung, wie bereits mit Blick auf die „post-imperiale Nostalgie“ bzw. das „post-imperiale Syndrom“ festgestellt wurde.

Die Bestimmung der Spur hat zumindest drei unterschiedliche Quellen: eine materiell-physikalische, eine kriminalistische, eine dekonstruktivistische. Man könnte auch noch von einer vierten sprechen, nämlich von einer medizinischen, welche wiederum psychoanalytische Konzepte ins Blickfeld führt. Diese wiederum führen u.a. zum kriminalistischen Spurendenken zurück. 

Die kriminalistische Bestimmung der Spur scheint am nächstliegenden zu sein, zumal dann, wenn man das Verhör zur Grundkonfiguration des Stalinismus erklärt. Es kommt hier aber zu einer wichtigen Verschiebung: wir verhören das Verhör und betrachten es als das eigentliche Verbrechen. Es geht also nicht so sehr um eine Spurensicherung nach einem Verbrechen, sondern um eine verbrecherische Spurensicherung, welche ihre eigenen ‚eigentlichen‘ Spuren eben gerade bei der Suche nach ‚objektiven Klassenfeinden‘ verwischt. Der Klassenfeind rückt in den absoluten Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, aber als ein immer schon vernichteter. Der Stalinismus (entsprechend auch der sozialistische Realismus) lebt in der Zeit des futur anterieur.

Die dekonstruktivistische Auffassung der Spur ist insofern ebenso einschlägig, als der Stalinismus auf eine zutiefst metaphysische Art und Weise eine Urspur setzt (das Immer-schon-unterwegs-gewesen-Sein der Menschheit auf dem Weg zur Erlösung von der Klassengesellschaft). Diese Setzung dekonstruiert sich in den Praktiken, welche dazu gedacht sind, diese Urspur zu sichern. Beispielsweise so: Die Rückkehr bzw. das Angekommen-Sein in einer völlig natürlichen Situation ohne böse-zivilisatorisch-kapitalistische Zwänge erscheint als eine totale Theatralisierung. Sowohl die Produzenten (Täter) als auch die Rezipienten (Opfer) dieses ‚Ursprungstheaters‘ sind sich der Theatralisierung – also der unübersehbaren Künstlichkeit und Nachträglichkeit des ‚Ursprungs‘ – bewusst, kommen aber nicht von der Bühne herunter.

Denkt man die kriminalistische und die dekonstruktivistische Auffassung der Spur zusammen, so kommt man zum folgenden vorläufigen Denk-Stadium: das dekonstruktivistische Erfassen des ‚natürlichen Ursprungs‘, der im Kommunismus erreicht worden sein soll, kann mit jenem in der kriminalistischen Sichtweise angewandten ‚verhörten Verhör‘ zur Sichtbarmachung der verbrecherischen Spurensicherung kurzgeschlossen werden. Denn das eigene Verbrechen wird dem angeblichen ‚Urverbrechen‘ der Klassenbildung unterlagert; letzteres Verbrechen wird mit massivem diskursivem Einsatz zur ‚eigentlichen Schuld‘ erklärt, die eigene Gewalt dagegen aus der Diskursivierung herausgenommen.

Andere aktuelle oder potentielle Auffassungen der Spur sind aber auch einschlägig, und sollten zumindest kurz angesprochen werden. Wenn Slavoj Žižek die totalitäre Subjekt- und Menschenvernichtung als das gewalttätige Herausarbeiten des Realen (das Abreißen der symbolischen Ordnung) hinstellt, und das Reale in großer Nähe zum Unbewussten steht, so spricht er von eben diesem Verhältnis. Damit sind wir beim Problem der wissenschaftlichen Spuren des Stalinismus angelangt, die wiederum in ein wissenschaftsinstitutionelles und ein theoretisches (bzw. meta-theoretisches) Erbe eingeteilt werden kann.